Projekt 266 Bangladesch: Bericht Juli 2026 unserer Partner-Organisation Netz Bangladesch
Existenzsicherung für alte Frauen

Hintergrund des Projekts
Bangladesch hat in den vergangenen Jahren eine dynamische wirtschaftliche Entwicklung durchlaufen, die sich unter anderem in einem deutlichen Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens widerspiegelt. Nach deutlichen Fortschritten bei der Armutsbekämpfung in den 2000er und 2010er Jahren ist die Armutsquote in Bangladesch zuletzt wieder gestiegen – von 18,7 % im Jahr 2022 auf 21,4 % im Jahr 2025. Gleichzeitig leben weiterhin rund 10 Millionen Menschen in extremer Armut. Gründe hierfür sind vor allem verlangsamtes Wirtschaftswachstum, hohe Inflation sowie die anhaltenden wirtschaftlichen Nachwirkungen der COVID-19-Pandemie.
Menschen, die in ländlichen Regionen Bangladeschs von Armut betroffen sind, verfügen über deutlich weniger produktive Vermögenswerte und haben einen eingeschränkten Zugang zu grundlegender Infrastruktur wie sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen. Ihre Lebensgrundlagen sind oft fragil, da Erwerbsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft kaum vorhanden sind und landwirtschaftliche Einkommen starken Schwankungen unterliegen.
Auch die Möglichkeiten, eine Schulbildung zu erhalten, ist auf dem Land stark eingeschränkt – unter anderem aufgrund mangelnder Bildungsangebote sowie einer hohen Abhängigkeit innerhalb der Haushalte. Zudem besitzen viele Familien kein oder nur sehr wenig Land und leben häufig in einfachen, teils sehr rudimentären Unterkünften. Menschen, die in extremer Armut leben, haben oft auch nur eingeschränkten oder gar keinen Zugang zu staatlichen Sozialprogrammen, wodurch auch ihr Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen weiterhin stark begrenzt bleibt.
Besonders schwierig ist die Situation für ältere Menschen in ländlichen Regionen: Sie haben meist kein eigenes Einkommen oder Vermögen und sind stark auf familiäre Unterstützung angewiesen. Durch anhaltende Armut und die Abwanderung jüngerer Familienmitglieder in Städte wird dieses traditionelle Sicherungssystem jedoch zunehmend geschwächt. Viele ältere Menschen bleiben isoliert zurück und können ihre Grundbedürfnisse nur unzureichend decken.
Zusammen mit seinen Partnerorganisationen und Expert*innen vor Ort hat NETZ (Partner-Organisation des Entwicklungshilfeklubs) ein erfolgreiches Modell zur Einkommens- und Ernährungssicherheit für Menschen in extremer Armut entwickelt, welches auch gezielt alte Menschen unterstützt. Im Vordergrund steht hierbei, dass die Frauen der Familien dazu befähigt werden, eigenständig ein Einkommen zu erwirtschaften und selbstbewusst mit der Hilfe von Dorfgruppen ihre Rechte sowie ihnen zustehende Dienstleistungen und Sozialleistungen einzufordern.
Einkommen schaffen und Ernährung sichern
Im Rahmen der Projektumsetzung werden aktuell ca. 1.800 ältere Frauen (60+), die in extremer Armut leben, gezielt dabei unterstützt, eigene Einkommensquellen aufzubauen. Viele von ihnen verfügen über kein eigenes Einkommen, sind sozial isoliert und haben aufgrund ihres Alters nur eingeschränkten Zugang zu Erwerbsmöglichkeiten. Zu Beginn erstellen sie individuelle Familienentwicklungs-pläne, in denen vorhandene, oft sehr begrenzte Ressourcen und Bedarfe analysiert sowie konkrete Schritte zur Einkommenssicherung festgelegt werden.
Darauf aufbauend erhalten die Teilnehmerinnen angepasste Unterstützung in Form von Produktionsmitteln wie Kleinvieh oder Saatgut sowie praxisorientierten Schulungen in Landwirtschaft und Vermarktung. Die Maßnahmen sind bewusst so gestaltet, dass sie den Möglichkeiten älterer Frauen entsprechen und auch mit eingeschränkter körperlicher Belastbarkeit umsetzbar sind. Durch diese gezielte Förderung können die Frauen schrittweise eigene Einkommensquellen aufbauen, Ersparnisse bilden und ihre Ernährung nachhaltig verbessern. Viele sichern heute zunehmend ihren eigenen Lebensunterhalt und gewinnen gleichzeitig an Selbstvertrauen, Anerkennung und Handlungsspielraum.
Zusammenhalt und Teilhabe stärken
Eine zentrale Rolle in der Projektumsetzung spielen Dorfgruppen, in denen sich die Teilnehmerinnen organisieren und gegenseitig unterstützen. Für ältere Frauen bieten diese Gruppen einen geschützten Raum, in dem sie soziale Einbindung erfahren, Isolation überwinden und aktiv an gemeinschaftlichen Prozessen teilhaben können. Innerhalb der Gruppen werden Erfahrungen ausgetauscht, gemeinsame Lösungen entwickelt und kollektive Strategien umgesetzt.
Besonders wichtig ist die gezielte Unterstützung für ältere Menschen mit eingeschränkten Selbsthilfemöglichkeiten: Dorfgruppen organisieren beispielsweise gemeinschaftlich den Kauf von Produktionsmitteln wie Ziegen oder Schafen und begleiten Aufzucht, Nutzung und Vermarktung. Auf diese Weise können auch Frauen, die aufgrund ihres Alters oder gesundheitlicher Einschränkungen nicht mehr komplett eigenständig wirtschaften können, ein eigenes Einkommen erzielen.
Darüber hinaus stärken die Gruppen ältere Menschen darin, ihre Rechte wahrzunehmen und Zugang zu staatlichen Leistungen sowie lokalen Dienstleistungen einzufordern. Dies trägt nicht nur zur Verbesserung ihrer materiellen Situation bei, sondern stärkt auch ihre gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung innerhalb der Dorfgemeinschaft.
Vorsorge und Schutz für ältere Menschen verbessern
Neben der Einkommensförderung ist die Stärkung der Resilienz ein zentraler Bestandteil der Projektumsetzung. Gerade ältere Menschen sind besonders anfällig für Krisen – sei es durch fehlende Rücklagen, eingeschränkte Mobilität oder mangelnde Unterstützung im Katastrophenfall. Die Dorfgruppen fördern daher gezielt Sparverhalten und unterstützen ihre Mitglieder beim Aufbau kleiner finanzieller Rücklagen, um Risiken besser abfedern zu können.
Zugleich entwickeln die Gruppen gemeinsame Strategien im Umgang mit Krisen, insbesondere bei Naturkatastrophen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Schutz älterer und besonders gefährdeter Personen: Dazu gehören organisierte Evakuierungen, individuelle Unterstützung im Notfall sowie gegenseitige Hilfe innerhalb der Gemeinschaft. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass ältere Menschen in Krisensituationen nicht zurückgelassen werden, sondern aktiv in kollektive Schutzmechanismen eingebunden sind.
Fortlaufende Wirkung und Weiterentwicklung
Die bisherigen Projekterfahrungen zeigen, dass die Maßnahmen wirksam ineinandergreifen und die Lebenssituation der Teilnehmerinnen spürbar verbessern. Gleichzeitig entwickeln die Dorfgruppen ihre Ansätze kontinuierlich weiter, um den spezifischen Bedürfnissen älterer Menschen noch besser gerecht zu werden. Kontinuierliches Monitoring bestätigt, dass die erzielten Fortschritte weiter stabilisiert und ausgebaut werden konnten.
Die Wege, wie ältere Menschen ihre Lebenssituation verbessern, sind dabei vielfältig. Einige profitieren besonders von der Unterstützung innerhalb der Dorfgruppen, andere nutzen die Impulse des Projekts, um eigene Lösungen zu entwickeln. Wie sich diese Entwicklungen im Alltag konkret zeigen, verdeutlichen die folgenden Beispiele von Mariam Begum und Nirmala Rani:
Ein Leben in Unabhängigkeit auch im Alter

Mariam Begum lebt in einem Dorf im Distrikt Chapainawabganj. Sie ist 65 Jahre alt, Mutter von drei Töchtern und einem Sohn und trägt noch immer große Verantwortung für ihre Familie. Zwei Töchter und ihr Sohn sind verheiratet und leben mit ihren eigenen Familie in separaten Haushalten. Ihre jüngste Tochter ist sehbehindert, studiert an einem College und lebt meist bei den Eltern im Dorf. Um zum Lebensunterhalt beizutragen, arbeitet sie für ein geringes Gehalt als Lehrerin an einer örtlichen Schule. Auch Mariams Mann ist bereits alt und kann keine schwere Arbeit mehr verrichten.
2021 schloss sich Mariam einer Dorfgruppe an. Mit Unterstützung des Projekts kaufte sie zwei Ziegen – eine gute Entscheidung. Denn die Tierhaltung bringt Einkommen und ist für sie im Alltag gut zu bewältigen. Inzwischen hat sie ihre Gewinne reinvestiert und besitzt zwei Kühe und vier Ziegen. Ihre wirtschaftliche Lage konnte sie aus eigener Kraft so deutlich verbessern.

Auch die Dorfgruppe stand der Familie zur Seite: Gemeinsam mit den Projektmitarbeiter*innen wurde eine staatliche Altersbeihilfe beantragt. Heute erhalten sowohl Mariam als auch ihr Mann diese Unterstützung regelmäßig. Für die Tochter wurde zudem eine Behindertenbeihilfe beantragt.
Mariam sagt stolz: „Ich bin von keinem meiner Kinder abhängig. Ich bestreite den Haushalt mit meinem eigenen Einkommen und muss weder meine Söhne noch meine Töchter um Hilfe bitten.“
Nirmala Rani baut sich eine neue Zukunft auf

Nirmala Rani ist 72 Jahre alt und lebt als Witwe in einem abgelegenen Dorf im Distrikt Nilphamari. Jahr für Jahr bringen Überschwemmungen große Not über die Region. Für Nirmala bedeutet das, ihr Leben immer wieder von Neuem sichern zu müssen. Zu ihrer Familie gehören ein Sohn, der mit seiner Frau und den Kindern nicht im selben Haushalt lebt sowie ihre 40-jährige Tochter, die körperlich und geistig beeinträchtigt ist und auf die Unterstützung ihrer Mutter angewiesen ist.
Lange Zeit hatte Nirmala kaum eine Möglichkeit, eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Für die harte Arbeit auf den Feldern war sie zu alt, staatliche Unterstützung erhielt sie nicht. Erst als sie sich einer Dorfgruppe anschloss, begann sich ihre Situation Schritt für Schritt zu verändern. Mit Unterstützung des Projekts erhielt sie zwei Ziegen als Startkapital. Aus diesem kleinen Anfang entstand nach und nach eine neue Lebensgrundlage: Sie verkaufte mehrere Ziegen und kaufte davon ein Rind. Nach Schulungen durch das Projekt begann sie außerdem, Gemüse rund um ihr Haus in Säcken klimaangepasst anzubauen. Auch das brachte zusätzliches Einkommen.
Heute besitzt Nirmala drei Rinder. Mit dem Erlös aus dem Verkauf weiterer Ziegen konnte sie Baumaterial kaufen und ihr Haus stabiler errichten. Zudem ließ sie einen eigenen Rohrbrunnen installieren, damit ihre Familie Zugang zu sauberem Wasser hat. Für die ältere Frau ist die Rinderhaltung gut zu bewältigen und bietet ihr eine verlässliche Einkommensquelle.

Auch bei der Beantragung staatlicher Unterstützung ließ Nirmala nicht locker. Mit Hilfe der Dorfgruppe und lokaler Organisationen setzte sie sich über Jahre hinweg dafür ein. Im Januar 2026 erhielt sie schließlich eine Witwenbeihilfe. Als sie Anfang April 2026 zum ersten Mal einen kleinen Betrag daraus abhob, sagte sie: „Ich bin keine Last mehr für die Gesellschaft. Dieser Betrag mag klein erscheinen, für mich ist er ein großer Erfolg. Ich kann damit meine kleineren Ausgaben bestreiten, das hat mein Selbstvertrauen gestärkt.”
Nirmala spart nun auch regelmäßig. Mit Blick auf die kommenden Jahre will sie ihren Viehbestand weiter ausbauen, Milch verkaufen und so die Zukunft ihrer Tochter absichern.
Heute geht es Nirmala Rani deutlich besser, und auch mit 72 Jahren will sie ihre Arbeit engagiert fortsetzen. Sie sagt: „Wenn mehr für ältere Frauen wie mich getan wird, können viele ein besseres Leben führen.“
Ausblick
Ältere Menschen, die zuvor in extremer Armut lebten, können durch das Projekt ihre Einkommens- und Ernährungssituation grundlegend verbessern. Die Einbindung in Dorfgruppen ermöglicht ihnen, Unterstützung bei der Umsetzung einkommensschaffender Maßnahmen zu erhalten, ihre Ansprüche auf staatliche Sozialleistungen und Dienstleistungen einfordern zu können und stärker in die Dorfgemeinschaft integriert zu werden.
Auf Gemeindeebene haben die Dorfgruppen Vertretungsorgane gebildet, die ihre Anliegen bündeln und gegenüber lokalen Behörden vertreten. Sie unterstützen insbesondere ältere Menschen dabei, den Zugang zu Sozialleistungen, staatlichen Dienstleistungen und ihren Rechten nachhaltig zu sichern. Die Mitglieder dieser Vertretungsorgane werden gezielt geschult, um ihre Aufgaben wirksam wahrnehmen zu können.
Langfristig kommt diesen Strukturen eine zentrale Bedeutung für ältere Menschen zu: Sie tragen dazu bei, dass ihre spezifischen Bedürfnisse auch über die Projektlaufzeit hinaus berücksichtigt werden und sie nicht von wichtigen Unterstützungsangeboten ausgeschlossen bleiben. Damit schaffen die Vertretungsorgane eine wichtige Grundlage dafür, dass ältere Menschen ihre Lebenssituation dauerhaft verbessern, ihre Selbstständigkeit bewahren und ihre gesellschaftliche Teilhabe stärken können.
Ein herzliches Danke von den Frauen im Norden von Bangladesch, die sich dank Ihrer Unterstützung Schritt für Schritt einen würdevollen selbstständigen Lebensabend aufbauen können.
Download Projektbericht 266 – zum Ausdrucken

Gemeinsam mit Netz möchten wir auch weiterhin dazu beitragen, dass alte Frauen ihre Existenz sichern können, deshalb führen wir dieses wichtige Projekt fort und freuen uns über jede weitere Unterstützung. So können Sie dazu beitragen:
Startkapital für einen selbstständigen und unabhängigen Lebensabend:
Startkapital für eine Frau 136 Euro
1/4 Startkapital für eine Frau 34 Euro
Jeder Beitrag zählt!
Danke für Ihre Unterstützung der alten Frauen in Bangladesch!
